Zürichsee-Zeitung

Vom Messervirus befallen
Meilen: Als Messermacher widmet sich Bruno Joerg in seiner Freizeit mit Leidenschaft einem alten Handwerk

Schmieden, schleiffen, sägen, feilen, schnitzen, kleben, nähen: Ein Messermacher benötigt umfassendes handwerkliches Geschick. Vor allem, wenn er von der Klinge bis zur Scheide alles selber fertigt wie der Meilener Bruno Joerg. Am Wochenende präsentiert er seine Damastmesser an der zweiten Schmiede- und Messerkunst Ausstellung in Zürich.

Jacqueline Olivier

„Die meisten Messer, die man bei uns heute kauft, stammen aus Billigländern und sind kein Vergleich zu den handgefertigten Einzelstücken, wie wir Messermacher sie herstellen.“ Bruno Joerg hat sich schon vor Jahren diesem alten Handwerk verschrieben. Damals wurde er bei einem Freund auf dessen schöne Messer aufmerksam. „Der Freund gab mir daraufhin eine Klinge und ein Stück Horn mit nach Hause. In dem Moment packte mich das Messervirus.“
Ein ganz und gar kreatives Virus, denn im Laufe der Jahre hat sich der Meilener derart perfektioniert, dass er von der Klinge über den Griff bis hin zum Etui und den verschiedensten Verzierungen alles selber macht. Lachend erinnert er sich an seine ersten Gehversuche. „Natürlich muss man vor allem zu Beginn Tiefschläge wegstecken, dann schmeisst man alles weg und sucht nach Lösungen.“ Inzwischen gibt es zahlreiche Bücher für angehende Messermacher zu kaufen, und auch im Internat finden sich entsprechende Anleitungen. Doch Bruno Joerg ist überzeugt: „Man muss selber mit dem Material arbeiten, um aus Fehlern zu lernen.“
Eine fertige Klinge mit einem Griff zu versehen, ist eins, die meisten Messermacher beginnen mit diesem noch einfachen Schritt. Komplizierter wird die Sache, wenn man die Klinge selbst schmieden möchte. Denn dafür braucht es die entsprechende Einrichtung und vor allem eine grosse Portion Können und Erfahrung. Bruno Joerg musste nicht bei Null anfangen, konnte er doch schon während seiner Ausbildung zum Maschinenmechaniker die Grundregeln des Schmiedehandwerks erlernen. Trotzdem kam er zuhause an seinem Amboss nicht weit, denn ihm hat es eine ganz besondere Technik angetan: Die des Damaszener Stahls. In diesem bereits in der Antike angewendeten Verfahren werden Eisen und Stahl lagenweise aufeinander gelegt und bei 1100 Grad feuerverschweisst. Danach wird das so entstandene Paket flach ausgeschmiedet, eingekerbt, gefaltet und erneut verschweisst. Dieser Vorgang lässt sich beliebig oft wiederholen und die Zahl der Lagen damit steigern. Durch zusätzliche Techniken wie etwa das Drehen Torsieren der Stäbe erhält der Damaszener Stahl schliesslich kunstvolle Strukturen, die durch abschliessendes Schleifen und Ätzen der Oberfläche in Schwefelsäure deutlicher sichtbar gemacht werden. Um schöne Strukturen zu schaffen, sind 200 bis 400 Lagen vonnöten, japanische Klingen zählen circa 1000 Lagen, es wurden auch schon Klingen mit 1,2 Millionen Lagen gefunden.
Für die Damast-Schmiedearbeit hat Bruno Joerg eine eigene Schmitte eingerichtet . Das Verfahren ist heikel und setzt viel Fingerspitzengefühl voraus. Den richtigen Schliff und Form verpasst Bruno Joerg den Klingen schliesslich zuhause in seiner Werkstatt: Ein besonders scharfes Messer erhält einen Hohlschliff, ein robustes einen Flachschliff.
Für die Griffe hortet Bruno Joerg ein unglaubliches Spektrum erlesener Materialien, von den unterschiedlichsten Hölzern über Reh , Hirsch oder Antilopenhörner „ich bin auch noch Jäger“, erklärt der Messermacher verschmitzt bis zum Kamel oder Giraffenknochen. Ja sogar afrikanische Wildschweinhauer und Mammutelfenbein finden sich in diesem Sammelsurium. Wo immer der Meilener hinreist,und er reiste vor allem früher sehr oft stösst er auf Naturmaterialien, die ihm willkommen sind. Auch besucht er regelmässig Messen und Flohmärkte, wo er immer wieder überraschende Trouvaillen macht.
Die Etuis arbeitet der Meilener am liebsten in Holz oder naturgegerbtem Leder, zum Beispiel Straussenleder. Verzierungen aller Art auf Etuis und Griffen bestätigen, was Bruno Joerg am Messermachen so fasziniert: „Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.“An den Messern arbeite ich nur, wenn ich die Laune dazu habe.“ Seine jährliche Produktion beträgt daher im Durchschnitt lediglich fünf bis zehn Messer. Doch diese sind dafür echte Liebhaberstücke, von denen er viele verschenkt, denn ihm bedeutet es mehr, jemandem damit eine Freude zu bereiten als viel Geld zu verdienen. Ohnehin könne er für seine Objekte kaum verlangen, was er eigentlich verlangen müsste. Anderseits ist ihm das eine oder andere Messer derart ans Herz gewachsen, dass er es eigentlich gar nicht verkaufen möchte. Der internationale Wettberwerb macht es den Schweizer Messermachern schwer, auf dem weltweiten Markt mitzuhalten, ist doch hierzulande bereits das Material viel teurer. Deshalb rief Bruno Joerg gemeinsam mit zwei seiner Kollegen letztes Jahr die erste Schweizer Schmiede- und Messekunst Ausstellung ins Leben, die nur von einheimischen Ausstellern bestritten wird. Dieses Wochenende steht im Zürcher Technopark die zweite Auflage dieser Messe bevor. Als zusätzliche Attraktion für die Besucher findet eine Schmiedevorführung statt, und ein Sattler zeigt, wie das Leder verarbeitet wird. Für die Aussteller, rund 20 an der Zahl, bietet die Messe zudem Gelegenheit zum gegenseitigen Erfahrungsaustausch. Grundsätzlich aber steht für Bruno Joerg und seine Messermacher-Kollegen der Wunsch im Vordergrund, den Besuchern altes Handwerk, das heute weitgehend verschwunden ist, wieder nahe zu bringen. „Viele sehen in einem Messer gleich die Waffe“, sagt er, „für uns hingegen ist ein Messer ein Kunsthandwerksobjekt. Dieses Brauchtum möchten wir weitergeben. Wir freuen uns, wenn der eine oder andere Messebesucher von dem Virus angesteckt wird.“